Das diesjährige Oberthema der Künstlerischen Werkstätten an Neuköllner Schulen lautete „Linien – Wege – Spuren“. An der ESN fanden hierzu im Februar zwei jeweils viertägige Projekte für unterschiedliche Klassenstufen statt.
Ausgangspunkt für die Werkstatt der Klassenstufen 8 & 10 waren die Fragen „Woher komme ich?“ und „Was hat uns hier zusammengeführt?“.
Als Antworten sollten biografische Bild-Körper entstehen, welche die Wege der Vorfahren und einem selbst nach Berlin-Neukölln nachvollziehen. Mit Hilfe von Gips, Farbe, Wasser, Feuer und Sonnenlicht erzeugten wir Spuren, aus denen Wege und Orte wurden, die – zusammengesetzt und weiter bearbeitet – schließlich einen Körper ergaben, der die eigene Herkunft widerspiegelt.
Als Inspirationsquelle für die eigene künstlerische Arbeit beschäftigten wir uns zunächst mit zeitgenössischer Malerei aus Australien, die auf Traditionen der Ureinwohner beruht und die Reisen von Vorfahren entlang sogenannter Traumpfade abbildet.
Konkrete Beispiele hierfür waren Darstellungen der mythischen Wanderung der „Sieben Schwestern“: Verfolgt von einem Mann durchqueren sie den australischen Kontinent und gelangen schließlich in den Himmel, wo sie das Sternbild der Plejaden bilden. Wanderwege, Landschaft und Geschehnisse werden in kartenartigen Gemälden ihrer heutigen Nachfahren wiedergegeben, die teilweise als große Gemeinschaftswerke entstehen.
Auch wir erforschten daraufhin zuerst die Lebenswege unserer Vorfahren, um Karten von ihren Reiserouten anzulegen. In Gesprächen mit Eltern (und Großeltern) gingen wir folgenden Fragen nach: Wo wurden meine Großeltern geboren? Wo haben sich Großvater und Großmutter getroffen? Wo wurden meine Eltern geboren und wo haben sie sich getroffen? Wo wurde ich geboren und wie kam ich nach Berlin-Neukölln? Diese Lebenswege wurden in Karten eingezeichnet, um eine Vorstellung von räumlichen Richtungen und Distanzen zu bekommen.
Anschließend ging es an die Gestaltung des eigentlichen Bildes:
Zur Erstellung dieses Selbstportraits wurde zuerst mit Gipsbinden eine Maske vom Gesicht abgenommen und bemalt. Als Ausgangsmaterial für die Körper marmorierten wir dann Papiere im Wasserbad oder behandelten sie an der Feuerstelle im Schulgarten mit Feuer, Rauch und Ruß. Mit Hilfe von Sonnenlicht konnten die Schatten-Bilder persönlicher Gegenstände in Cyanotypien eingefangen werden. Anschließend wurden diese verschiedenen „Spuren“-Elemente beschnitten, gerissen, bemalt und entsprechend den individuellen Karten zu biografischen Körpern zusammengefügt. Die Linien, Flecken, Farbspuren im Bild einer Person stehen dabei für Wege und Orte, die im eigenen Leben und den Leben der Vorfahren eine wichtige Rolle spielten. Zum Beispiel beginnt eine Figur mit einer langen Flugreise von Korea nach Europa, eine andere mit einer gebrochenen Linienstruktur, die für die Überquerung des Mittelmeers steht. Wieder andere Lebenswege verlaufen in verschlungenen Kreisen.
In kurzen Interviews erläuterten die Teilnehmer*innen abschließend die biografischen Hintergründe ihrer jeweiligen Arbeit.
Das Werkstattprogramm war sehr umfangreich. Außerdem mussten einige Teilnehmer*innen zwischendurch auch für ein bis zwei Stunden in den normalen Unterricht, um eine Klassenarbeit oder einen Test zu schreiben. Trotzdem waren alle äußerst motiviert. Während der insgesamt vier Tage wurde oft auf Pausen verzichtet und buchstäblich bis zur letzten Minute sehr intensiv gearbeitet. Zwei Teilnehmer*innen, die während der Werkstattzeit nicht fertig wurden, beendeten die Werke anschließend in ihrer Freizeit.
Das Projekt wurde schließlich durch die Präsentation der entstandenen Arbeiten in einer gemeinsamen Ausstellung aller Werkstätten gekrönt (24.3. – 4.4.2025). Im Galerieraum des Campus Rütli versammeln sich die einzelnen Körper wieder zu einer Gruppe – zu einem Kreis, gebildet aus dem bunten Geflecht der Herkünfte. Im daneben ausliegenden Booklet lassen sich die dazugehörigen persönlichen Geschichten nachlesen.
Teilnehmer*innen dieser Werkstatt waren Leni, Sabah, Charlotte, Aliah, Elias, Ella, Kyota, Johann, Fynn, Yuma, Johanna, Jakoub, Carlotta, Tilda und Paula aus den Klassen 8c, 10a, 10b, 10c und 10d der ESN. Herzlichen Dank an alle!
Sebastian Walter